Märchen lesen

An dieser Stelle möchten wir kurze Märchen präsentieren.
Ausgewählte Texte unserer Mitglieder, somit garantieren wir Abwechslung und Vielfalt.

Vier mal im Jahr wird gewechselt, es lohnt sich also immer mal wieder bei uns vorbeizuschauen.

im Frühling am 21. März  zur Tagundnachtgleiche
im Sommer am 21. Juni zur Sommersonnenwende
im Herbst am 23. September zur Tagundnachtgleiche
im Winter am 21. Dezember zur Wintersonnenwende

 

(aus Indien)

 Es war einmal ein weiser König, den Menschen ein großer Lehrer, der von vielen sogar als Heiliger angesehen wurde. Eines Tages kam ein Student zu ihm in den Palast, in der Hoffnung von ihm lernen zu können. Der König hieß ihn willkommen und bat ihn zu sich an die festliche Tafel. An diesem Abend war ein Fest, und Tanz und fröhliche Unterhaltung, bei der der König als freundlicher Gastgeber mitwirkte. Der Student wunderte sich. Wie konnte der König so weltweit als Heiliger bekannt sein? Diese ausgelassene Stimmung wiederholte sich nun jeden Abend und zog sich in die Nacht, so dass der Student bald vergaß warum er hergekommen war und er begann zu glauben, das wäre die richtige Art zu leben.

Eines Tages dann, nahm ihn der König zur Seite und sagte: „Mein lieber Freund, habt Ihr hier alles gesehen?“

„Ja, ich glaube schon“, sagte der junge Mann.

„Ich würde es Euch gerne zeigen“, sprach der König weiter und gab dem Studenten ein Gefäß, das bis oben hin mit Wasser gefüllt war.

„Nun folge mir“, sagte der König „und sei vorsichtig damit Ihr keinen Tropfen verschüttet.“

Sie gingen durch die zeitlichen Freuden des Palastes, hinunter in die Gärten des Vergnügens und in die Tanzhallen. Der Student, eifrig dabei aufzupassen, dass kein Tropfen verloren ginge, konnte es sich nicht erlauben, durch irgendwas abgelenkt zu werden.

Als sie an die Stelle zurückkamen, wo ihr Weg begonnen hatte, fragte der König: „Na, was haltet Ihr von all dem?“

„Herr, es tut mir Leid. Um die Wahrheit zu sagen, ich habe nichts gesehen, denn ich war so beschäftigt dieses Gefäß zu tragen.“

„Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen“ war die Antwort des Königs. „So lebe ich im Palast der irdischen Wünsche. Der einzige Weg um so leben zu können ist die Stille in sich zu tragen, wie Ihr es gerade erlebt habt.“

 

Die Erfahrung der Stille

Zu einem einsamen Eremiten, der schon seit Jahren in einer Höhle lebte, kamen eines Tages Pilger.

Sie fragten ihn: „Was für einen Sinn siehst du in deinem Leben in der Stille?“

Der Mönch war beschäftigt mit dem Schöpfen von Wasser aus einer Zisterne. Er sprach zu seinen Besuchern: „Schaut in die Zisterne. Was seht ihr?“

Die Leute blickten in die tiefe Zisterne. „Wir sehen nichts“, meinten sie.

Als einige Zeit vergangen war, forderte der Einsiedler die Leute wieder auf: „Schaut in die Zisterne. Was seht ihr?“

„Jetzt sehen wir uns selbst.“

Der Einsiedler sprach: „Schaut, als ich vorhin Wasser schöpfte, war das Wasser unruhig. Jetzt ist das Wasser ruhig. Das ist die Erfahrung der Stille. Man sieht sich selbst.“

 

Der Weg

Der weise Mönch Lukas wurde von einem seiner Schüler begleitet, als er durch ein Dorf ging.

Ein alter Mann saß am Wegesrand und fragte Lukas:

– Heiliger Mann, sage mir, wie kann ich Gott näher kommen?

– Habe mehr Spaß am Leben, ehre den Herrn mit Deiner Freude – war die Antwort.

Nun gingen die beiden weiter und da kam ihnen ein junger Mann entgegen.

– Was soll ich tun um Gott näher zu sein?

– Nimm das Leben ernster – sagte Lukas.

Als der junge Mann weitergegangen war, fragte der Schüler:

– Es sieht so aus als ob Ihr nicht recht wüsstet, ob wir Spaß haben sollen oder nicht!?

– Die geistige Suche ist eine Brücke ohne Handlauf, und geht über einen Abgrund– antwortete er. – Wenn jemand zu sehr auf der rechten Seite geht, sage ich ihm „weiter links!“. Wenn er der linken Seite zu nahe kommt, sage ich ihm: „weiter rechts!“.