Märchen lesen

An dieser Stelle möchten wir kurze Märchen präsentieren.
Ausgewählte Texte unserer Mitglieder, somit garantieren wir Abwechslung und Vielfalt.

Vier mal im Jahr wird gewechselt, es lohnt sich also immer mal wieder bei uns vorbeizuschauen.

Im Frühling zur Tagundnachtgleiche am 21.März,
im Sommer zur Sommersonnenwende am 21.Juni,
im Herbst zur Tagundnachtgleiche am 23.September,
im Winter zur Wintersonnenwende, am 21.Dezember.

 

Die Bienenfrau in der Höhle

Es ist schon lange, lange her, da lebten einmal ein Mann und eine Frau. Sie hatten alles, was sie zum Leben brauchten. Doch das, was sie sich am allermeisten wünschten, das hatten sie nicht – Kinder.
Ach, was haben sie nicht alles versucht und ausprobiert! Sie hatten Wallfahrten unternommen, Ärzte befragt, Heilkundige aufgesucht – doch alles hatte nicht geholfen – der Schoß der Frau blieb verschlossen. So gaben die beiden die Hoffnung auf, ihre Wiege doch noch in Gebrauch zu nehmen und lebten ihr Leben dahin, so gut es eben ging.
An einem Abend, wie sie so wie gewohnt beisammensaßen, klopft es an die Tür. Der Mann geht hin und öffnet. Ein alter Bettler steht davor: „Ihr guten Leute, habt ihr vielleicht etwas zu essen für mich und einen Schlafplatz für die Nacht?“ Die beiden waren herzensgute und hilfsbereite Menschen und so wurde der Tisch gedeckt und auch ein Nachtlager bereitet. Während der Bettler aß, wollte er wissen: „Wie kommt es, dass ihr so ganz allein seid?“ „Der Himmel hat uns keine Kinder beschieden.“ Da schüttelte der Alte den Kopf: „Es gibt doch für alles einen guten Rat und Mittel!“ „Ach, wir haben schon alles ausprobiert – vergebens,“ gaben die beiden zurück. Nachdenklich blickte der Bettler auf sie. „Lasst uns darüber schlafen, kann sein, dass wir morgen klüger sind.“
Am anderen Morgen nach dem Frühstück nimmt der Alte den Mann beiseite. „Mir ist heute Nacht ein guter Gedanke gekommen. Wenn du es so machst, wie ich dir sage, werdet ihr sicher Kinder bekommen. Also: wenn du in Richtung Gebirge gehst, kommst du in einen großen Wald. Durch den gehst du hindurch, dann siehst du einen hohen Berg. Dort steige hinauf. Auf halber Höhe aber liegt eine Höhle, aus der eine Quelle fließt. Dort geh hinein. Du musst aber ein Gefäß mit Honig und einen Wachsstock (Wabe) mitnehmen, sonst töten dich die Bienen, die in der Höhle sind. In der Höhle findest du eine Frau, die dort schläft, die hat dreierlei Haare: schwarze, rote und weiße. Wecke die Frau, sie wird dir bestimmt helfen.“
Der Mann bedankte sich bei dem Alten, füllte ein Gefäß mit Honig, nahm einen Wachsstock und machte sich auf den Weg. Er musste einige Tage wandern, fand dann aber alles so, wie der Alte es beschrieben hatte. Er durchquerte den Wald, stieg den Berg hinan und auf halber Höhe fand er die Höhle, aus der das Quellwasser floss. Er schaute vorsichtig hinein und richtig: da lag eine Frau, wie tot, und sie war über und über mit Bienen bedeckt.
Schnell stellt er den Honig und den Wachsstock an den Eingang der Höhle; da kamen auch schon die Bienen angeflogen. Sie summten zornig, weil sie in ihrer Ruhe gestört waren. Doch als sie den Wachsstock und den Honig sahen, machten sie sich gleich darüber her und ließen den Mann in Frieden. Der ging nun behutsam in die Höhle und berührte vorsichtig die Frau. Sie schlug die Augen auf, sah den Mann ernst und eindringlich mit wissenden Augen an. „Ich weiß schon, was du willst. Und da du ein guter Mann bist und meinen Bienen Honig und Wachs mitgebracht hast, soll dein Wunsch erfüllt werden. Ich gebe dir hier einen Apfel und eine Birne. Isst deine Frau den Apfel, so wird sie einen Sohn gebären, verspeist sie die Birne, so wird sie ein Mädchen bekommen. Nun zupfe noch ein Haar aus jeder meiner Strähnen: ein schwarzes, ein rotes und ein weißes. Die schenke ich eurem ältesten Kind. Es soll die Haare als Kette tragen, so wird es Glück haben.“
Der Mann bedankte sich, zog die drei Haare aus, je ein schwarzes, ein rotes und ein weißes, dann kehrte er freudig in sein Haus zurück.
„Du bist aber lange ausgeblieben,“ empfing ihn seine Frau. „Was bringst du denn Schönes?“ „Hier ist ein Apfel, wenn du den isst, wirst du einen Sohn gebären; und hier ist eine Birne, wenn du die verspeist, bekommst du eine Tochter.“ „Ach, das wird wohl so wenig helfen, wie alles andere, das wir probiert haben. Doch ich habe schon lange keine Birne mehr gegessen, gib sie mir, so will ich sie gleich essen.“ Der Mann gab seiner Frau die Birne, die sie auf der Stelle aß. Den Apfel aber hoben sie auf.
Nun, ob ihr es glaubt oder nicht, nach neun Monaten bekam die Frau ein Mädchen, das war ganz allerliebst. Wie war die Freude bei den Eltern groß!
Das Mädchen wuchs schnell heran und wurde von Tag zu Tag schöner. Als es einige Jahre alt war, fand die Frau eines Tages den Apfel – ihr erinnert euch noch? – sie aber erinnerte sich nicht mehr an die ganze Geschichte und aß ihn einfach auf. Na ja und nach Ablauf der Zeit gebar sie einen Knaben. Die Tochter freute sich ungemein über das kleine Brüderchen und spielte gerne mit ihm.
Die Eltern aber waren glücklich und stolz.
So hatte die Bienenfrau, die schon viele tausend Jahre in der Höhle geschlafen hatte, der unfruchtbaren Frau dennoch Kindersegen beschert.

„Märchen von der Mutter Erde“ / Ingrid Stahmer
aus Spanien

Die Schlüsselblumenfee
Märchen aus Deutschland

Als es auf der Welt noch Feen gab, besaß die Schlüsselblume Zauberkraft. Wer sie im richtigen Augenblick pflückte, dem brachte sie Glück.
Einst trieb ein Schäfer zu Frühlingsanfang seine Schafe auf die Weide. Als die Herde zu grasen, erblickte er nahe bei einem Felsen ein Büschel blühender Schlüsselblumen. Er pflückte die größte und schönste und steckte an seinen Hut. Nach einer Weile wurde der Hut merkwürdig schwer. Der Schäfer setzte ihn ab und blieb wie angewurzelt stehen. Statt der Blüte trug einen Schlüssel aus purem Gold hinter dem Hutrand.
Als er den Schlüssel in die Hand nahm, erschien im selben Augenblick, wie vom Winde her geweht eine wunderschöne Fee. „Fürchte dich nicht“, sagte sie „ der Schlüssel wird dir Glück bringen. Leg ihn hier auf den Felsen. Der Stein wird sich auftun, und du wirst alle Schätze der Erde erblicken. Nimm davon, soviel du willst, doch gib acht, dass du das Beste nicht vergisst.“
Der Schäfer wusste nicht, ob er träumte oder wachte. Er trat zu dem Felsen, legte den Schlüssel darauf, und eine unterirdische Grotte öffnete sich, strahlend und glitzernd von Gold, Silber und Edelsteinen, dass ihm die Augen übergingen. Schnell breitete er seinen Kittel aus und packte von den Reichtümern darauf, soviel er tragen konnte. Dann warf er sich das Bündel über die Schulter und verließ die Grotte.
Aber das Wichtigste, den goldenen Schlüssel, ließ er zurück. Seither erschließt die Schlüsselblume die Schätze der Erde nicht mehr. Und auch die Feen, die sich den Menschen zeigten, wurden nicht mehr gesehen.

Warum das Schneeglöckchen nicht erfriert
Märchen aus Mazedonien

Alle Dinge hatten schon ihre Farbe. Die Erde war braun, das Gras grün, die Rose rot und der Himmel blau.
Nur für den Schnee war keine Farbe übrig geblieben. Da entschloss sich der Schnee, die anderen zu bitten, ihm etwas Farbe abzugeben.
Zuerst ging der Schnee zur Erde. „Bitte, gib mir etwas von deiner braunen Farbe“, bat er. Die Erde aber schlief und antwortete nicht.
Da ging der Schnee zum Gras. „Gras, gib mir bitte etwas von deiner grünen Farbe!“ Da Gras jedoch war geizig und Tat, als hörte es den Schnee nicht. Doch die Rose wandte sich stolz zur Seite.
Die Schlüsselblume wollte ihr Gelb für sich behalten, und das kleine blaue Veilchen wollte von seinem bisschen Blau auch nichts abgeben.
So musste der Schnee unverrichteter Dinge weiterziehen. Schließlich blieb er vor einem bescheidenen weißen Blümchen am Waldrand stehen. „Könntest du vielleicht ein wenig von deiner schönen weißen Farbe entbehren?“, fragte er. Das weiße Glöckchen wollte zuerst auch nicht. Da wurde der Schnee ganz traurig und
Sagt:„Dann wird es mir so entgehen wie dem Wind. Der hat auch keine Farbe und brüllt und bläst bloß. Den kann auch niemand sehen.“ DA erbarmte sich das weiße Blümchen und gab dem Schnee seine Farbe. Und so ist der Schnee weiß geworden.
Und die keine bescheidene Blume vom Waldrand, die heute auch in unseren Gärten blüht, heißt Schneeglöckchen.
Allen Blumen ist der Schnee seither gram und lässt sie erfrieren. Bloß das Schneeglöckchen schont er. Ihm fügt er keinen Schaden zu.