Märchen lesen

An dieser Stelle möchten wir kurze Märchen präsentieren.
Ausgewählte Texte unserer Mitglieder, somit garantieren wir Abwechslung und Vielfalt.

Vier mal im Jahr wird gewechselt, es lohnt sich also immer mal wieder bei uns vorbeizuschauen.

im Frühling am 21. März  zur Tagundnachtgleiche
im Sommer am 21. Juni zur Sommersonnenwende
im Herbst am 23. September zur Tagundnachtgleiche
im Winter am 21. Dezember zur Wintersonnenwende

 
Die Schildbürger – Das Herz auf dem rechten Fleck

Der Krieg hatte zwar um Schilda einen Bogen gemacht.
Aber der Kaiser brauchte trotzdem Soldaten. So sandte er überallhin Boten,
man solle ihm waffenkundige und tapfere Leute schicken.
Die Schildbürger taten ihre Pflicht und schickten ihm ein Dutzend wackre Männer. Sie kämpften unerschrocken in vielen Schlachten und Gefechten.
In der Chronik von Schilda kann man darüber nachlesen.
Dort erfährt man auch, dass von dem Dutzend, das in den Krieg zog, viele umkamen und insgesamt nur zwölf nach Hause zurückkehrten.
Einer der zwölf, Kilian mit Namen, besaß vom Großvater her ein hart geschmiedetes Eisenstück. Das ließ er sich, bevor er zu Felde zog, vom Schneider an die Stelle nähen, worunter sein Herz säße. Und hätte er das nicht tun lassen, wäre es ihm später schlimm ergangen.
Denn als er einmal ein feindliches Huhn verfolgte, liefen Bauern mit Spießen, Stangen und Dreschflegeln hinter Kilian drein. Er rannte nicht etwa, wie man ihm nachgesagt hat, vor den Bauern davon. Dafür war er viel zu sehr mit der Hühnerjagd beschäftigt. Weil er fand, es sei nobler ein feindliches Huhn als den Feind selber umzubringen. Und Hunger hatte er außerdem.
Jedenfalls, als er über einen Zaun sprang, blieb er zappelnd an einer Latte hängen. Die Bauern holten ihn ein und schlugen so lange auf seinen Hosenboden los, bis Kilian dadurch von der Zaunlatte freikam und, hinkend und jammernd und ohne Huhn, bei seiner Kompanie eintraf. »Mein Herz!« rief er, »mein Herz!« und hielt sich die Hose.
Der Sanitätsfeldwebel, der den Verletzten untersuchte, fand dabei den Eisenfleck, den der Schneider nicht ins Wams, sondern eben in den Hosenboden genäht hatte. »Das Eisen hat dich vor Schlimmerem bewahrt«, meinte der Feldwebel, »aber warum hat es dir euer Schneider an die falsche Stelle geflickt?«
Da antwortete Kilian stolz: »Weil der Schneider von Schilda weiß, wo bei uns Schildbürgern das Herz sitzt!«

Komaku und die Riesen
(aus Fiji)

Es war einmal ein Mädchen, das hieß Komaku . Sie lachte den ganzen Tag und dachte sich viele Streiche aus.
Eines Tages sagte ihre Mutter: Komaku, geh mit dieser Kokosnussschale zum Meer und hole mir Salzwasser zum Kochen.“
Komaku fragte: „Willst du denn nicht frisches Wasser aus der Quelle, Mutter?“
„Nein“, sagte diese, „ich brauche Salzwasser zum Kochen, denn ich hatte keine Zeit Salz zu machen.“
Komaku rannte also los und ihre Mutter rief noch hinter ihr her: „Aber nimm dich in Acht vor den Spinnfäden!“
Im Wald auf dem Weg zum Meer gab es in Rotuma nämlich Riesen, die ahnungslose Menschen mit Spinnennetzen einfingen und sie dann aßen. Komaku hüpfte aber unbekümmert durch den Wald und als sie ein großes Netz sah, dass über den Weg gespannt war, duckte sie sich und schlüpfte unten durch. Dabei begann sie laut ein Lied zu singen, denn sie wusste, dass die Riesen in der Nähe waren und es bestimmt hörten. Sie sang:
„Komaku holt Wasser aus dem Meer,
Ihr Riesen, helft mir, so kommt doch her!“
Da sprangen zwei große Riesen aus dem Gebüsch, packten sie und trugen sie ans Ufer.
Komaku füllte ihre Kokusnussschale mit Wasser und die Riesen warteten ungeduldig. Hoch ragten sie über Komaku auf und an ihren Händen befanden sich lange Krallen. Da begann Komaku ein Zauberlied zu singen:
„Wehet ihr Winde aus Fiji,
wirbelt auf den schwarzen Sand vom Meer,
füllt die Augen der Riesen, sodass sie nichts mehr seh´n.
Wehet ihr Winde aus Tonga,
wirbelt auf den weißen Sand vom Meer,
füllt die Augen der Riesen, sodass sie nichts mehr seh´n.“
Kaum hatte sie begonnen, es zu singen, kamen starke Winde auf, sie kamen vom Meer und wirbelten schwarzen Sand von Fiji in die Augen der Riesen, dann kamen starke Winde aus Tonga und brachten weißen Sand. Die Augen der Riesen füllten sich mit Sand, bis sie nichts mehr sahen. Komaku lief schnell nach Hause und trat in die Küche, übergab die Schale mit dem Meerwasser ihrer Mutter und tat so, als ob nichts geschehen wäre.

(Aus Mutabor-Zeitschrift)

Vom Licht der Welt
Märchen aus Spanien- aus „5-Minuten Märchen“ Hg. Von Michaela Brinkmeier, Königsfurth Urania
Es war einmal eine arme Witwe, der war nichts geblieben als ihre sieben Söhne. Sie hatte nichts mehr zu essen, und so zogen sie in die weite Welt, klopften an Türen und baten um Arbeit, und wenn sie keine fanden, um ein Stück Brot. Oft aber blieben sie hungrig und mussten unter freiem Himmel schlafen.
Eines Abends kamen sie in ein Dorf und baten um ein Nachtlager. Aber alle wiesen sie ab, und sie bekamen zu hören: „Versucht es im Gutshaus hinterm Dorf, dort findet ihr gewiss einen Platz, aber da ist es nicht ganz geheuer.“ Alle im Dorf wussten: Dort spuke es, und machten einen großen Bogen um das Gutshaus. Die Nacht brach herein, und als auch die letzte Tür vor ihnen zufiel, beschloss der älteste Sohn: „So lasst uns denn zu dem Gutshaus gehen!“ Und sie machten sich auf den Weg.
Von weitem sah das Haus aus wie ein Schloss, doch als sie näherkamen, eröffnete sich ihnen ein trauriger Anblick: Kein Mensch war zu sehen, kein Hund bellte, kein Vogel sang, alles still und leer. Die Witwe fasste sich ein Herz und klopfte an die Tür. Niemand antwortete, doch mit einem Mal öffnete sich die Tür mit lautem Knarren wie von selbst. Die Jungen machten Feuer, dann setzte dich die Familie an den Tisch. Jeder bekam ein Glas Wein und eine Scheibe Brot. Kaum aber hatten sie den ersten Bissen im Mund, da kam aus der Tiefe des Hauses eine Stimme – so elend, so klagend, dass ihnen der Atem stockte:
„Licht, Licht!“
Der Älteste fasste sich als Erster. Er lief zum Kamin, zündete einen Kienspan an und sagte: „Ich will nachsehen!“ „Wir gehen mit dir!“, sagten die anderen, denn sie wollten ihn nicht allein gehen lassen. Sie gingen der Stimme nach, durch viele Zimmer und Säle, doch sie waren alle leer. Die Stimme aber bat immer wieder: „Licht! Licht!“ Schließlich kamen sie in das letzte Zimmer. Sie öffneten die Tür. In einer Ecke stand ein Sessel, darin saß ein uralter Greis mit einem langen Bart, der bis auf den Boden herabreichte. Er starrte in ein geöffnetes Buch, das auf seinen Knien lag und klagte: Licht! Licht!“ Es war so unheimlich, dass die Jungen am liebsten davongelaufen wären. Doch den Ältesten dauerte der Greis und so trat er näher und hielt den Kienspan über das Buch. „Hier ist Licht!“
Da hob der Greis den Kopf und schaute den Jungen an. Dann begann er zu lesen – so rasch, dass er kaum mit dem Blättern der Seiten hinterherkam. Schließlich schlug er die letzte Seite um und seufzte: „Ich danke euch! Ihr habt mir Licht gebracht und mich damit erlöst. Ich war verdammt hier so lange zu sitzen und zu warten bis mir jemand Licht bringt, damit auch die letzte Seite des Buches gelesen wäre. Zum Dank soll euch der Gutshof gehören und auch der Schatz, der im Keller vergraben liegt. Verwendet ihn wohl!“ Der erlosch der Kienspan und der Alter löste sich vor ihren Augen in Nichts auf. Im Keller fanden sie sieben Krüge voll Gold, und ihre Not hatte ein Ende.