Märchen lesen

An dieser Stelle möchten wir kurze Märchen präsentieren.
Ausgewählte Texte unserer Mitglieder, somit garantieren wir Abwechslung und Vielfalt.

Vier mal im Jahr wird gewechselt, es lohnt sich also immer mal wieder bei uns vorbeizuschauen.

im Frühling am 21. März  zur Tagundnachtgleiche
im Sommer am 21. Juni zur Sommersonnenwende
im Herbst am 23. September zur Tagundnachtgleiche
im Winter am 21. Dezember zur Wintersonnenwende

 

Die Alte und die Bohnen  (anonym)

Es lebte einst eine alte weise Frau. Jeden Morgen stand sie auf und zog sich eine Schürze über, mit zwei Taschen darin. Dann nahm sie eine handvoll Bohnen und steckte sie in die rechte Schürzentasche. Alsdann begab sich die Frau in ihren Tag.

Begegnete ihr etwas Schönes unterwegs, sei es das Lachen eines Kindes, ein Sonnenstrahl, der sie an der Nase kitzelte oder sonst etwas, das ihr Herz berührte, nahm sie eine der Bohnen und tat sie von der rechten in die linke Schürzentasche.

So ging die alte Frau durch den Tag.

Am Abend, bevor sie ins Bett ging, saß sie zuhause und holte all die Bohnen aus ihrer linken Tasche heraus.

Sie schaute jede Bohne in Ruhe an. Dabei dachte sie an all das Schöne, das sie den Tag über erlebt hatte.

Und selbst an einem Abend, an dem nur eine einzige Bohne in ihrer Tasche zu finden war, dachte die alte Frau:

Dieser Tag war es wert, ihn gelebt zu haben.

 

Der Schäfer und seine hundert Schafe

(Erinnerung an ein Bilderbuch, nacherzählt von K.Stasch)

Es war einmal ein Schäfer, der hatte 100 Schafe. Jeden Tag brachte er sie auf die Weide und jeden Abend zählte er sie, ob noch alle da wären. Eines Tages, jedoch, da fehlte ein Schaf! Da pfiff der Schäfer und es kamen sieben Schäferhunde angelaufen. Er schickte sie das fehlende Schaf zu suchen. Bald darauf bellte einer der Hunde, und der Schäfer ging hin und sah das Schäfchen in einer Kuhle, aus der es nicht heraus konnte. Da stieg der Schäfer hinunter und holte das Schaf und ging mit ihm zur Herde. Da zählte er die Schafe und es waren hundert, da zählte er die Hunde, und es waren nur sechs, ein Hund fehlte.

Da jodelte der Schäfer und seine vier Söhne kamen angelaufen. Er bat sie den fehlenden Hund zu suchen und sie machten sich auf den Weg. Bald darauf jodelte einer der Jungen und kam mit dem  verlaufenen Hund zurück. 

Der Schäfer zählte die Schafe und es waren hundert, er zählte die Hunde und es waren sieben, da schaute er zu seinen Söhnen….. einer fehlte, der Jüngste! Nun machte sich der Schäfer selber auf den Weg, und fand bald darauf den Jungen, der vor Müdigkeit unter einem Busch eingeschlafen war. Er nahm ihn auf seine Arme und trug ihn zur Herde.

Dann zählte er seine Schafe, und es waren hundert. Er zählte seine Hunde und es waren sieben. Er schaute zu seinen Söhnen und alle vier waren da.

Da machten sie sich auf den Heimweg. Die Schafe gingen in ihren Stall, die Hunde suchten ihre Schlafecken auf und der Schäfer ging mit den Jungs in die Hütte, in der die  Mutter eine warme Suppe für alle gekocht hatte.

 

Der Weg

Der weise Mönch Lukas wurde von einem seiner Schüler begleitet, als er durch ein Dorf ging.

Ein alter Mann saß am Wegesrand und fragte Lukas:

– Heiliger Mann, sage mir, wie kann ich Gott näher kommen?

– Habe mehr Spaß am Leben, ehre den Herrn mit Deiner Freude – war die Antwort.

Nun gingen die beiden weiter und da kam ihnen ein junger Mann entgegen.

– Was soll ich tun um Gott näher zu sein?

– Nimm das Leben ernster – sagte Lukas.

Als der junge Mann weitergegangen war, fragte der Schüler:

– Es sieht so aus als ob Ihr nicht recht wüsstet, ob wir Spaß haben sollen oder nicht!?

– Die geistige Suche ist eine Brücke ohne Handlauf, und geht über einen Abgrund– antwortete er. – Wenn jemand zu sehr auf der rechten Seite geht, sage ich ihm „weiter links!“. Wenn er der linken Seite zu nahe kommt, sage ich ihm: „weiter rechts!“.