Märchen lesen

An dieser Stelle möchten wir kurze Märchen präsentieren.
Ausgewählte Texte unserer Mitglieder, somit garantieren wir Abwechslung und Vielfalt.

Vier mal im Jahr wird gewechselt, es lohnt sich also immer mal wieder bei uns vorbeizuschauen.

im Frühling am 21. März  zur Tagundnachtgleiche
im Sommer am 21. Juni zur Sommersonnenwende
im Herbst am 23. September zur Tagundnachtgleiche
im Winter am 21. Dezember zur Wintersonnenwende

 

Frag die Grünwarenfrau!

 

Da war eine alte Mohrrübe drin, so knollig, so dick und so schwer,

die hatte gar einen gefährlichen Sinn, sie wünschte, dass sie verheiratet wär

mit `ner jungen Mohrrübe lieblich und gut aus der Rüben alleradligstem Blut.

Und die Hochzeit kam.

Die Bewirtung war unbezahlbar gut; sie kostete gar kein Geld,

sie leckten Mondschein und tranken Tau, nahmen Blumenduft aus Wiese und Au

und Blütenstaub von Wald und Feld.

Die alte Mohrrübe grüßte mit einem Ruck und sprach so viel und so lang;

die Worte, die glucksten kluck um kluck,

klein Mohrrübchen machte auch keinen Muck, saß da so ernst und bang,

jung und schmuck. Willst du′s wissen genau, frag die Grünwarenfrau.

Ein Rotkohl hat sie als Pfarrer getraut, Braujungfern sind weiße Rüben;

Spargel und Gurke kam nach Belieben, Kartoffeln standen und sangen laut.

Und es wurde getanzt von groß und von klein –

frag die Grünwarenfrau, sie sagt′s dir allein.

Die alte Mohrrübe sprang ohne Strümpfe und Schuh,

hohei, da zersprang sie im Rücken, und dann war sie tot, wuchs niemals mehr zu.

Die junge Mohrrübe lachte in Ruh, so wunderlich kann es sich schicken.

Nun war sie Witwe, nun war sie froh, nun konnte sie leben, huchheia hei ho!

In den Suppentopf sprang sie als Jungfrau hinein, jung, froh, frisch und fein.

Willst du′s wissen genau, frag die Grünwarenfrau.

Hans Christian Andersen
(* 02.04.1805, † 04.08.1875)

 

Die zwei Häuschen (aus Griechenland) 

Es war einmal ein kleines Haus, das war ganz aus Salz. Es glänzte und glitzerte, schimmerte und leuchtete wie ein Spiegel. In dem Häuschen wohnten ein Alter aus Salz und eine Alte aus Zucker. Mitunter hatten sie einander gern, mitunter aber gar nicht. Manchmal waren sie lieb zueinander, dann wieder stritten sie sich, wie eben Liebesleut das zu tun pflegen.

Eines Tages hatten sich die beiden wieder einmal gestritten. Der Alte ergriff einen langen Salzklotz und jagte die Alte aus dem Haus. „Geh, bau dir eine Hütte aus Lehm“, schrie er ihr nach.

Die Alte ging weinend davon, aber sie weinte nicht lange aus Angst, ihre Zuckerwangen könnten zerfließen. Und sie baute sich eine Hütte aus Lehm. Drinnen war es hübsch, aber einsam. Sie dachte an den salzigen Alten und seufzte.

Eines Tages raffte sie sich auf und klopfte bei dem Alten ans Fenster. „Alter, gib mir eine Prise Salz für meine Suppe“, bat sie. Aber der Alte jagte sie von der Schwelle.

„Geh nur, woher du gekommen bist, du verflixte Alte! Wenn du kein Salz hast, gib dir meinetwegen Zucker in die Suppe!“

Die Alte ging weinend nach Hause, weinte aber nicht lange, damit ihre Wangen sich nicht auflösten. Und weil ihr immer trauriger und trauriger zumute war, bat sie, der Himmel möge statt ihrer weinen. Und wirklich – kaum hatte sie den Wunsch ausgesprochen, begann es zu regnen. Es regnete und regnete in Strömen, bis sich das schöne Salzhäuschen des Alten völlig auflöste. Der salzige Alte rannte zur Lehmhütte der Alten.

„Lass mich bitte ein, Mütterchen“, bettelte er, „sonst zerfließe ich im Regen“.

„I wo“, warf die Alte zurück. „Als ich eine Prise Salz von dir wollte, hast du mich davon gejagt. Lass mich in Ruhe, Alter!“

Aber der Alte bat und bettelte so inständig, dass sich die Alte seiner erbarmte und ihn einließ. In der Hütte gab ihr der Alte einen zärtlichen, salzigen und sie dem Alten einen Zuckerkuss. Aber weil der Alte vom Regen nass war, blieb er an der Alten kleben, und wäre er nicht bald getrocknet, dann klebten die beiden noch bis heute aneinander.

Seit damals haben sie sich nie wieder gestritten.

 

 

Der Weg

Der weise Mönch Lukas wurde von einem seiner Schüler begleitet, als er durch ein Dorf ging.

Ein alter Mann saß am Wegesrand und fragte Lukas:

– Heiliger Mann, sage mir, wie kann ich Gott näher kommen?

– Habe mehr Spaß am Leben, ehre den Herrn mit Deiner Freude – war die Antwort.

Nun gingen die beiden weiter und da kam ihnen ein junger Mann entgegen.

– Was soll ich tun um Gott näher zu sein?

– Nimm das Leben ernster – sagte Lukas.

Als der junge Mann weitergegangen war, fragte der Schüler:

– Es sieht so aus als ob Ihr nicht recht wüsstet, ob wir Spaß haben sollen oder nicht!?

– Die geistige Suche ist eine Brücke ohne Handlauf, und geht über einen Abgrund– antwortete er. – Wenn jemand zu sehr auf der rechten Seite geht, sage ich ihm „weiter links!“. Wenn er der linken Seite zu nahe kommt, sage ich ihm: „weiter rechts!“.