Märchen lesen

An dieser Stelle möchten wir kurze Märchen präsentieren.
Ausgewählte Texte unserer Mitglieder, somit garantieren wir Abwechslung und Vielfalt.

Vier mal im Jahr wird gewechselt, es lohnt sich also immer mal wieder bei uns vorbeizuschauen.

im Frühling am 21. März  zur Tagundnachtgleiche
im Sommer am 21. Juni zur Sommersonnenwende
im Herbst am 23. September zur Tagundnachtgleiche
im Winter am 21. Dezember zur Wintersonnenwende

 
Der Bauer und der Teufel
Ein Märchen der Brüder Grimm

Es war einmal ein kluges und verschmitztes Bäuerlein, von dessen Streichen viel zu erzählen wäre, die schönste Geschichte ist aber doch, wie er den Teufel einmal dran gekriegt und zum Narren gehabt hat.
Das Bäuerlein hatte eines Tages seinen Acker bestellt und rüstete sich zur Heimfahrt, als die Dämmerung schon ein getreten war. Da erblickte er mitten auf seinem Acker einen Haufen feuriger Kohlen, und als er voll Verwunderung hinzuging, so saß oben auf der Glut ein kleiner schwarzer Teufel. “Du sitzest wohl auf einem Schatz,” sprach das Bäuerlein. “Jawohl,” antwortete der Teufel, “auf einem Schatz, der mehr Gold und Silber enthält, als du dein Lebtag gesehen hast.” – “Der Schatz liegt auf meinem Feld und gehört mir,” sprach das Bäuerlein. “Er ist dein,” antwortete der Teufel, “wenn du mir zwei Jahre lang die Hälfte von dem gibst, was dein Acker hervorbringt: Geld habe ich genug, aber ich trage Verlangen nach den Früchten der Erde.” Das Bäuerlein ging auf den Handel ein. “Damit aber kein Streit bei der Teilung entsteht,” sprach es, “so soll dir gehören, was über der Erde ist und mir, was unter der Erde ist.” Dem Teufel gefiel das wohl, aber das listige Bäuerlein hatte Rüben gesät. Als nun die Zeit der Ernte kam, so erschien der Teufel und wollte seine Frucht holen, er fand aber nichts als die gelben welken Blätter, und das Bäuerlein, ganz vergnügt, grub seine Rüben aus. “Einmal hast du den Vorteil gehabt,” sprach der Teufel, “aber für das nächste Mal soll das nicht gelten. Dein ist, was über der Erde wächst und mein, was darunter ist.” – “Mir auch recht,” antwortete das Bäuerlein. Als aber die Zeit zur Aussaat kam, säte das Bäuerlein nicht wieder Rüben, sondern Weizen. Die Frucht ward reif, das Bäuerlein ging auf den Acker und schnitt die vollen Halme bis zur Erde ab. Als der Teufel kam, fand er nichts als die Stoppeln und fuhr wütend in eine Felsenschlucht hinab. “So muss man die Füchse prellen,” sprach das Bäuerlein, ging hin und holte sich den Schatz.

Die Gerste des Knechtes (ein Märchen aus Litauen)

Ein Knecht war bei einem wohlhabenden Bauern für ein Jahr in den Dienst getreten (für welchen Lohn, weiß ich nicht). Als er im Herbst drosch, flog ihm dabei ein Gerstenkorn in den Mund. Der Knecht sagt darauf zu seinem Bauern: »Da mir nun dieses Gerstenkorn von selbst zwischen die Zähne geflogen ist, gib mir für dieses Korn zu Anfang einen guten Platz, damit ich es in die Erde stecke, welchen auch immer ich dafür aussuchen werde, für das Korn und seinen Samen auf zehn Jahre, und ich werde dir allein dafür zehn Jahre dienen.« Der Bauer war einverstanden.
Der Knecht steckte im Frühling sein Korn in das Aussaatbeet im Garten. Über den Sommer war es üppig und hoch aufgewachsen. Im Herbst nahm er die Ähre ab, rieb sie aus und hatte beide Hände voll Gerstenkörner. Im nächsten Frühling säte er seine Gerste wieder im Garten aus, wieder wuchs sie schön groß empor, und im Herbst drosch er bereits ein ganzes Maß voll aus. Im dritten Jahr säte er seine Gerste schon auf dem Felde bei der Scheune aus. Und wie schön wuchs die Gerste empor! Die Bäuerin wurde böse, wenn sie die Gerste des Knechtes sah. Als es auf den Herbst zuging, frühmorgens beim Hahnenschrei, fasste sie einen Entschluss, lief hinaus zum Felde an der Scheune, legte sich hin, rollte sich über die Gerste des Knechtes und walzte so schließlich das ganze Feld glatt wie einen Tisch.
Als am Morgen die Sonne aufgeht, sieht sie, dass die Gerste des Knechtes ganz glatt niedergewalzt ist. Sie fragt den Mond: »Hast du nicht gesehen, wer diese Nacht die Gerste des Knechtes glatt gewalzt hat?« Der Mond antwortete: »Solange ich am Himmel war, stand die Gerste noch heil da, und ich habe sie heil zurückgelassen, als ich unterging. Vielleicht hat das Siebengestirn etwas gesehen, das blieb bis zum Hellwerden am Himmel.« Nun fragt die Sonne das Siebengestirn. Das sagte, es hätte gesehen, wie die Bäuerin angelaufen kam und die Gerste glatt walzte. Da fragte die Sonne das Siebengestirn: »Na, und hast du ihr dafür nichts angetan?« Das Siebengestirn: »Ja, ich habe ihr einen Baumstumpf mit Wurzeln in den Weg geworfen.« Die Sonne sagt: »Das ist gut.«
Und als die Bäuerin nach Hause lief, stieß sie mit dem Fuß an den Baumstumpf und schürfte sich ein wenig die Haut ab. Davon begann ihr Fuß zu schwellen, schließlich schwoll ihr ganzer Leib an, und sie musste sterben. Die Gerste des Knechtes aber richtete sich wieder auf und erholte sich, bis sie gemäht wurde. Im Herbst drosch der Knecht schon einige Scheffel aus.
So ging es bis zum Ende der zehn Jahre, wo er schließlich alles Land seines Bauern mit seiner Gerste besäte, und er hatte doch mit nur einem Gerstenkorn begonnen!

Das Brot der Hoffnung

Ein Professor der Medizin stirbt und seine drei Söhne lösen seinen Haushalt auf. Die Mutter war schon lange vorher gestorben und der Vater hatte mit einer langjährigen Haushälterin allein gelebt. Im Arbeitszimmer des Vaters fanden die Söhne neben vielen wertvollen Dingen in einem Schrank ein steinhartes, vertrocknetes, halbes Brot. Die Haushälterin wusste, was es damit auf sich hatte.

In den ersten Jahren nach dem Krieg war der Professor todkrank. Da schickte ihm ein guter Freund ein halbes Brot, damit der Professor etwas zu essen hatte. Der aber dachte an die viel jüngere Tochter eines Nachbarn und ließ dem Mädchen das Brot schicken. Die Nachbarsfamilie aber mochte das wertvolle Brot nicht für sich behalten und gab es weiter an eine arme alte Witwe, die oben im Haus in einer kleinen Dachkammer hauste.

Die alte Frau aber brachte das Brot ihrer Tochter, die mit zwei kleinen Kindern ein paar Häuser weiter wohnte und nichts zu essen hatte für die Kinder. Die Mutter dachte, als sie das Brot bekam, an den Medizinprofessor, der todkrank lag. Sie sagte sich, dass er ihrem Jungen das Leben gerettet und kein Geld dafür genommen hatte. Nun hatte sie eine gute Gelegenheit, es ihm zu danken, und ließ das Brot zum Professor bringen.

«Wir haben das Brot sofort wieder erkannt», sagte die Haushälterin, «unter dem Brot klebte immer noch das kleine Papierstückchen.» Als der Professor sein Brot wieder in der Hand hielt, sagte er: «Solange noch Menschen unter uns leben, die so handeln, braucht uns, um unsere Zukunft nicht bange zu sein. Dies Brot hat viele satt gemacht, obwohl keiner davon gegessen hat. Dies Brot ist heilig. Es gehört Gott!» So legte er es in den Schrank. Er wollte es immer wieder ansehen, wenn er mal nicht weiterwusste und die Hoffnung verlor.
Es war das Brot der Hoffnung.