Märchen lesen

An dieser Stelle möchten wir Ihnen kurze Märchen präsentieren.
Ausgewählt werden die Märchen von unseren Mitgliedern, damit garantieren wir Abwechslung und Vielfalt. Vier mal im Jahr wird gewechselt, es lohnt sich also immer mal wieder bei uns vorbeizuschauen. Im Frühling zur Tagundnachtgleiche (21.März), im Sommer zur Sommersonnenwende (21.Juni), im Herbst zur Tagundnachtgleiche (23. September) und im Winter zur Wintersonnenwende (21.Dezember).

 

Zweimal Glück

Vor langer Zeit in einem Land, fern von hier, da lebten einmal zwei Bauern. Der eine war reich, der andere arm. Der Arme war arm, obwohl auch er fleißig war. Eines Nachts ging der Arme auf sein Feld, das an die Felder des Reichen grenzte. Da sah er, wie ein Fremder auf dem Feld des Reichen Roggen säte. „Was machst du da?“ „Ich säe Roggen.“ „Und wann wirst du auf meinem Felde säen?“ „Niemals, ich säe hier, weil ich sein Glück bin, das Glück deines Nachbarn!“ „Und wo ist mein Glück?“ „Dein Glück schläft dort hinten, neben dem großen Stein!“ Gleich ging der Arme zum Stein, sein Glück zu suchen. Und tatsächlich, da lag einer und schlief: „He, wach auf und säe Roggen auf meinem Feld!“ Der Schläfer aber blieb liegen: „Hab keine Lust.“ „Warum nicht, bist du denn nicht mein Glück?“ „Doch, das bin ich wohl!“ „Ja, warum willst du dann nicht auf meinem Feld säen?“ „Ich bin ja kein Bauernglück.“ Dann stand der Fremde auf und sah dem armen Bauern ins Gesicht: „Werde Kaufmann!“ Da verkaufte der Arme sein Feld, seine Gerätschaften und seine Hütte und zog in die Stadt. Dort machte er einen Laden auf. Das Geschäft ging gut, sehr gut sogar – denn nun sorgte sein Glück für ihn.

Märchen aus dem Baltikum

Wahrheit & Märchen

Die Wahrheit ging durch die Straßen, ganz nackt, wie am Tage ihrer Geburt. Kein Mensch wollte sie in sein Haus einlassen. Jeder, der die Wahrheit traf, fürchtete sich vor ihr. Eines Tages ging die Wahrheit wieder in Gedanken versunken durch die Straßen. Sie war recht betrübt und auch verbittert.

Da begegnete ihr plötzlich das Märchen. Das Märchen war geschmückt mit herrlichen, prächtigen, vielfarbigen Kleidern, die jedes Auge und jedes Herz entzückten. „Sage mir geehrte „Schwester Wahrheit“, warum bist du so betrübt und gehst hier auf den Straßen so traurig umher?“ „Es geht mir so schlecht „Schwester Märchen“. Ich bin alt und betagt und kein Mensch will mich kennen noch mögen.“ „Nicht weil du alt bist, lieben dich die Menschen nicht. Auch ich bin sehr alt und je älter ich werde, desto mehr lieben mich die Menschen. Ich will dir ein Geheimnis verraten. Die Menschen lieben es, dass jeder geschmückt und ein wenig verkleidet daherkommt. Ich werde dir von meinen Kleidern geben und du wirst sehen, dass die Menschen auch dich lieben werden!“

Die Wahrheit freute sich und fortan schmückte sie sich mit den Kleidern des Märchens. Seit dieser Zeit gehen Wahrheit und Märchen zusammen durch die Welt und beide sind bei den Menschen beliebt.

Jüdisches Märchen

Im Tempel der tausend Spiegel

Vor langer Zeit stand hoch oben auf einem Berg ein geheimnisvoller Tempel, der Tempel der tausend Spiegel. Eines Tages verirrte sich ein Hund dorthin. Als er den Saal der tausend Spiegel betrat, sahen ihm aus tausend Spiegeln, tausend Hunde entgegen. Der Hund bekam Angst, sträubte das Nackenfell, zog den Schwanz ein, fletschte die Zähne und knurrte. Und tausend Hunde sträubten das Nackenfell, zogen die Schwänze ein, fletschten die Zähne und knurrten zurück. Da erschrak der Hund noch viel mehr, rannte aus dem Tempel und glaubte fortan, die ganze Welt sei voller bedrohlicher, feindlich gesinnter knurrender Hunde, die ihm Böses wollten. Nie wieder betrat er den Tempel. Kurz darauf kam ein anderer Hund, bestieg die Treppen und erblickte den Tempel der tausend Spiegel. Als er in den Saal kam, sah auch er tausend andere Hunde. Da freute er sich, wedelte mit dem Schwanz, sprang fröhlich umher und forderte die Hunde zum Spielen auf. Da freuten sich aus tausend Spiegeln tausend Hunde zurück. Sie wedelten mit dem Schwanz, sprangen fröhlich umher und wollten wohl mit ihm spielen. Fröhlich verließ dieser Hund den Ort, beseelt von dem Gedanken: „Wie ist die Welt doch schön, voller fröhlicher, glücklicher Hunde!“ Ich glaube, er betrat noch oft den Tempel der tausend Spiegel.

Indisches Märchen