Märchen lesen

An dieser Stelle möchten wir Ihnen kurze Märchen präsentieren.
Ausgewählt werden die Märchen von unseren Mitgliedern, damit garantieren wir Abwechslung und Vielfalt. Vier mal im Jahr wird gewechselt, es lohnt sich also immer mal wieder bei uns vorbeizuschauen. Im Frühling zur Tagundnachtgleiche (21.März), im Sommer zur Sommersonnenwende (21.Juni), im Herbst zur Tagundnachtgleiche (23. September) und im Winter zur Wintersonnenwende (21.Dezember).

 

Wie die Katze ins Haus kam

Es war einmal eine Katze, eine wilde Katze, die ganz allein draußen im Busch lebte.
Nach einer Weile hatte sie das Alleinsein satt und nahm sich einen Mann, eine andere Wildkatze, die ihr das herrlichste Geschöpf im ganzen Dschungel erschien.
Eines Tages, als sie gerade durch das hohe Gras streiften, kam – zisch – Leopard aus dem Gras gesprungen, und ehe Katzenmann es sich versehen hatte, lag er in einem Fellknäuel, die Pfoten von sich gestreckt, im Staub.
«O-oh!», sagte Katze. «Nun, da mein Mann von Staub bedeckt ist, erkenne ich, dass er nicht das herrlichste Geschöpf im ganzen Dschungel ist. Das ist Leopard.»
So tat sich Katze mit Leopard zusammen.
Sie lebten fortan sehr glücklich, doch eines Tages, als sie gerade im Busch jagten, sprang plötzlich – witsch – Löwe aus dem Schatten hervor, genau auf Leopards Rücken und fraß ihn mit Haut und Haaren.
«O-o-oh!», sagte Katze. «Jetzt sehe ich, dass Leopard nicht das herrlichste Geschöpf im ganzen Dschungel ist. Das ist Löwe.»
So tat sich Katze mit Löwe zusammen.
Sie lebten fortan sehr glücklich, doch eines Tages, als sie gerade durch den Wald pirschten, ragte plötzlich eine riesige Gestalt über ihnen auf und – stampf – trat Elefant mit einem Fuß auf Löwe und zermalmte ihn.
«O-o-oh!», sagte Katze. «Jetzt sehe ich, dass Löwe nicht das herrlichste Geschöpf  im ganzen Dschungel ist. Das ist Elefant.»
So tat sich Katze mit Elefant zusammen. Sie kletterte ihm auf den Rücken und ließ sich schnurrend genau zwischen seinen beiden Ohren nieder.
Sie lebten fortan sehr glücklich, doch eines Tages, als sie gerade durch das hohe Schilf unten am Flussufer zogen, machte es wumm, und Elefant sank zu Boden. Katze schaute sich um, aber alles, was sie sehen konnte, war ein kleiner Mann mit einem Gewehr.
«O-o-o-oh!», sagte Katze. «Jetzt sehe ich, dass Elefant nicht das herrlichste Geschöpf im ganzen Dschungel ist. Das ist der Mann.»
So folgte Katze ihm den ganzen Weg bis zu seinem Haus, und sprang auf das Strohdach seiner Hütte.
«Endlich», sagte Katze, «habe ich das herrlichste Geschöpf im ganzen Dschungel gefunden.»
Sie lebte sehr glücklich oben auf dem Strohdach und begann die Mäuse und Ratten zu jagen, die in dem Dorf lebten. Eines Tages aber, als sie gerade auf dem Dach saß und sich in der Sonne wärmte, hörte sie ein Lärmen aus der Hütte dringen. Die Stimmen von dem Mann und seiner Frau wurden immer lauter, und plötzlich – wara-wara-wara … yo-we! – kam der Mann herausgetaumelt und fiel kopfüber in den Staub.
«Aha!», sagte Katze. «Jetzt weiß ich wirklich, wer das herrlichste Geschöpf im Dschungel ist. Das ist die Frau.»
Katze kletterte vom Strohdach hinunter, spazierte in die Hütte hinein und hockte sich an die Feuerstelle.
Und dort sitzt sie auch heute noch.

 

Geschichte der Shona aus Simbabwe 
(Quelle: Nelson Mandela: Meine afrikanischen Lieblingsmärchen,
Aus dem Englischen von Matthias Wolf, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG,
München 6. Auflage 2014)

 

Wahrheit & Märchen

Die Wahrheit ging durch die Straßen, ganz nackt, wie am Tage ihrer Geburt. Kein Mensch wollte sie in sein Haus einlassen. Jeder, der die Wahrheit traf, fürchtete sich vor ihr. Eines Tages ging die Wahrheit wieder in Gedanken versunken durch die Straßen. Sie war recht betrübt und auch verbittert.

Da begegnete ihr plötzlich das Märchen. Das Märchen war geschmückt mit herrlichen, prächtigen, vielfarbigen Kleidern, die jedes Auge und jedes Herz entzückten. „Sage mir geehrte „Schwester Wahrheit“, warum bist du so betrübt und gehst hier auf den Straßen so traurig umher?“ „Es geht mir so schlecht „Schwester Märchen“. Ich bin alt und betagt und kein Mensch will mich kennen noch mögen.“ „Nicht weil du alt bist, lieben dich die Menschen nicht. Auch ich bin sehr alt und je älter ich werde, desto mehr lieben mich die Menschen. Ich will dir ein Geheimnis verraten. Die Menschen lieben es, dass jeder geschmückt und ein wenig verkleidet daherkommt. Ich werde dir von meinen Kleidern geben und du wirst sehen, dass die Menschen auch dich lieben werden!“

Die Wahrheit freute sich und fortan schmückte sie sich mit den Kleidern des Märchens. Seit dieser Zeit gehen Wahrheit und Märchen zusammen durch die Welt und beide sind bei den Menschen beliebt.

Jüdisches Märchen

Im Tempel der tausend Spiegel

Vor langer Zeit stand hoch oben auf einem Berg ein geheimnisvoller Tempel, der Tempel der tausend Spiegel. Eines Tages verirrte sich ein Hund dorthin. Als er den Saal der tausend Spiegel betrat, sahen ihm aus tausend Spiegeln, tausend Hunde entgegen. Der Hund bekam Angst, sträubte das Nackenfell, zog den Schwanz ein, fletschte die Zähne und knurrte. Und tausend Hunde sträubten das Nackenfell, zogen die Schwänze ein, fletschten die Zähne und knurrten zurück. Da erschrak der Hund noch viel mehr, rannte aus dem Tempel und glaubte fortan, die ganze Welt sei voller bedrohlicher, feindlich gesinnter knurrender Hunde, die ihm Böses wollten. Nie wieder betrat er den Tempel. Kurz darauf kam ein anderer Hund, bestieg die Treppen und erblickte den Tempel der tausend Spiegel. Als er in den Saal kam, sah auch er tausend andere Hunde. Da freute er sich, wedelte mit dem Schwanz, sprang fröhlich umher und forderte die Hunde zum Spielen auf. Da freuten sich aus tausend Spiegeln tausend Hunde zurück. Sie wedelten mit dem Schwanz, sprangen fröhlich umher und wollten wohl mit ihm spielen. Fröhlich verließ dieser Hund den Ort, beseelt von dem Gedanken: „Wie ist die Welt doch schön, voller fröhlicher, glücklicher Hunde!“ Ich glaube, er betrat noch oft den Tempel der tausend Spiegel.

Indisches Märchen